Quantität geht vor Qualität

Bei der Auswahl eines Betreuers war immer ein Kriterium: welche Ausbildung hat der Betreuer? In den seltensten Fällen erfährt man im Vorhinein etwas über die Ausbildung und berufliche Qualifikation eines Betreuers. Wenn man Glück hat ist eine Berufsbezeichnung angegeben. Oft wird auch auf die Vorerfahrung des Betreuers im Bereich der Pflege im in und Ausland hingewiesen. Die Maßstäbe, die hierfür angelegt werden, sind allerdings das mehr als zweifelhaft und werden geschönt. Als Schein2Pflegeerfahrung wird zum Beispiel häufig die Zeit angerechnet, die jemand bei der Pflege eines eigenen Familienangehörigen aufgebracht hat. Das hat mit einer fachlichen Qualifikation natürlich nichts zu tun.

Durch eigene Urkunden und Zertifikate wird versucht dem Ganzen einen Anschein von Qualität und Ausbildung zu geben. In Schnellkursen (Dauer zwischen acht und 14 Tagen) soll dann Fachwissen beigebracht werden. Hinterfragt man bei den Betreuern jedoch diese Ausbildung, kommt oft zum Vorschein, dass hier lediglich Sachen gezeigt werden, die Betreuer in einer Gruppe neben her laufen und selbst praktisch nichts oder wenig üben können. Die Ausbildung der Betreuer erfolgt dann immer in der Praxis vor Ort. Hier sollte man sich, was die Ausbildung angeht , keinen zu großen Illusionen hingeben.

Durch den steigenden Bedarf an Betreuern und der Aussicht auf ein gutes Geschäft mit der Vermittlung, werden die Ansprüche bei der Auswahl seitens der Agenturen immer weiter heruntergeschraubt. Steigender Bedarf durch mehr Betreuungsstellen und eine zunehmende Anzahl an Agenturen – aber jeder, der eine gute Ausbildung besitzt oder in einem guten Beruf arbeitet, hat sicher keine Veranlassung das alles hinter sich zu lassen und als Betreuer zu arbeiten. Die Agenturen nehmen also, um sich das Geschäft nicht entgehen zu lassen, mehr oder weniger gezwungenermaßen alles, was sie bekommen. Ich bezeichne das immer als „Straßenfang“.

Die psychische und charakterliche Eignung der Betreuer kann bei der Auswahl alleine aus zeitlichen Gründen nicht ausreichend geprüft werden. Das erfolgt dann leider in der Praxis durch den Einsatz beim Kunden. Wenn es passt – gut. Wenn es nicht passt muss der Betreuer eben gewechselt werden. Interessanterweise hatte jeder unserer Betreuer, der bei uns „durchgefallen“ war, sofort wieder eine Anschlussverwendung bei einem nächsten Kunden. Natürlich ohne sich unsere Kritikpunkte anzunehmen und sich von der wirklichen Eignung des Betreuers zu überzeugen. Qualitätssicherung?

Mit der Zeit hatten wir auch den Eindruck, dass sich eine Art Negativauslese durchgesetzt hat. Durch die zum Teil mangelhafte Bezahlung der Betreuer fühlten diese sich mit der Zeit unterbezahlt. Im anderen Fall fühlten sie sich überqualifiziert für die Tätigkeit. Das Resultat ist in beiden Fällen aber das gleiche: Sie suchen sich einen besser bezahlten Arbeitsplatz und stehen somit der Agentur über kurz oder lang nicht mehr zur Verfügung. Das Ergebnis der Gewinnmaximierung bei den Agenturen ist ein Schuss, der nach hinten losgeht. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass der leidtragende die zu pflegende Person und seine Angehörigen sind. Sie zahlen viel Geld für eine voraussichtlich immer schlechter werdende Leistung.