Mehr Schein als Sein

Schein1Auf den Internetseiten und in den Prospekten der Dienste und Agenturen findet man immer wieder die gleichen Bilder: gepflegte glückliche ältere Menschen, die von ebenso gepflegten glücklichen Damen betreut werden, sie durch die Gegend führen, mit Ihnen am Tisch sitzend Gesellschaftsspiele spielen, lecker aussehendes Essen zubereiten oder eine gepflegte Wohnung sauber halten. Ergänzt werden diese Bilder noch durch vollmundige Versprechen und blumige Schilderungen von Pflegesituationen und Leistungen. Welcher Angehörige kann sich da nicht vorstellen eine zu pflegende Person in diese vertrauensvollen Hände zu geben und dann mit ruhigem Gewissen sein eigenes Leben weiterführen zu können, immer in dem Bewusstsein, dass die zu pflegende Person gut aufgehoben ist. Dann ist man doch bereit sich dieses beruhigte Gewissen etwas kosten zu lassen. Schließlich kann der geliebte Angehörige dann auch noch so lange wie möglich in seiner geliebten gewohnten Umgebung bleiben. Einen Helfer an seiner Seite, der ihm alle Wünsche von den Augen abliest.

Aber auch hier hat die Werbung wieder einmal gnadenlos zugeschlagen. Vielen ist das vielleicht auch bewusst, aber ebenso viele wollen es nicht wahrhaben oder befinden sich in einer Notsituation und greife nach diesem Strohhalm. Ich kann jedem nur empfehlen möglichst viele Informationen vorher einzuholen (was wirklich sehr schwer ist), sich die Betreuer sehr genau anzuschauen und nicht davor zurück zu scheuen einen Betreuer abzulehnen. Viele Betreuer haben im Laufe der Zeit jedoch gute Strategien entwickelt nach außen gegenüber den Angehörigen usw. ein gutes Bild abzugeben. Wenn die betreute Person dann nicht in der Lage ist sich selbst zu äußern, Missstände selbst wahrzunehmen (zum Beispiel Demenz) und zu reagieren, wird es sehr schwer hinter diese Fassade zu schauen. Oft trauen sich die betreuten Personen auch nichts zu sagen (gegenüber dem Betreuer oder auch den Angehörigen), weil sie dann schlechte Stimmung oder Repressalien seitens des Betreuers fürchten – oder dass sie alleine gelassen werden.

Sicher gibt es bei den Betreuern auch einfühlsame, gewissenhafte und pflichtbewusste Personen, die sich um den ihnen anvertrauten zu pflegenden Menschen kümmern und ihre Aufgaben bestens erledigen. Dazu dann herzlichen Glückwunsch. Wenn es nicht funktioniert liegt es oftmals aber auch daran, dass von dem Dienst/der Agentur das Profil des Betreuers nicht zu dem der zu pflegenden Person passt. Bei mir war es so, dass ich einen hochgelobten Betreuer bekommen habe, der bei mir jedoch vollkommen versagt hat und überfordert war. Bei dem Gespräch mit dem Betreuer stellte sich heraus, dass dieses „hohe Lob“ aus der Betreuung von hochbetagten, dementen und bettlägerigen Personen stammt, was ich wirklich nicht bin. Ein typisches Beispiel also für der falsche Mann am falschen Platz.

Was man ebenso nicht vernachlässigen darf ist die Tatsache, dass ständig eine fremde Person im eigenen Lebensraum präsent ist. Die Privatsphäre ist für beide Seiten dadurch erheblich eingeschränkt. Solange Betreuer und zu pflegende Person alleine sind, ist dieser Zustand sicher erträglich. Sobald aber andere Familienangehörige noch mit dabei sind kann dies, wie in meiner Situation, zu erheblichen Problemen führen. Unterschiedliche Mentalität, Auffassung von Sauberkeit, Umgang mit fremdem Eigentum, Lebensgewohnheiten sind nur einige Reibungspunkte. Die Anwesenheit meiner Familie hatte aber andererseits den Vorteil, dass man sich Aufgaben teilen konnte, aber natürlich auch, dass der Betreuer einer verstärkten Aufsicht ausgesetzt war.

Wo dies nicht der Fall ist kann ich nur die Empfehlung geben, öfter einmal überraschend einen Besuch abzustatten, genau hinzuschauen und auch hinzuhören, für gewisse Aufgaben einen ambulanten Pflegedienst mit einzuschalten und engen Kontakt zu betreuenden Hausarzt zu halten. Auch Gespräche mit dem sozialen Umfeld der zu betreuenden Person (Nachbarn, Freunde usw.) helfen einem, sich einen besseren Eindruck von der Arbeit des Betreuers zu verschaffen.